Tagebuch 2005

5. Tag: Grand Canyon

 Sonntag, 19.06.05: Hölle, Hölle, Hölle
 Wetter: sonnig
 Temperatur: 30° - 42° C

Ich wache um 5:45 Uhr auf und quäle mich aus dem Zelt. Die erste Nacht im Schlafsack war nicht besonders angenehm, da meine Luftmatraze nicht dicht ist und sich dadurch kleine Steinchen die Nacht über in meinen Rücken reingedrückt haben. Michael wird auch kurze Zeit später wach und wir machen uns ein halbwegs leckeres Frühstück aus Cornflakes mit Milch und Bananen. Die Atmosphäre besteht auf der einen Seite aus Vorfreude, aber auf der anderen Seite auch gehörigem Respekt und Anspannung vor der anstehenden Anstrengung. Schließlich reden wir hier nicht von irgendeiner "Popelwanderung" im Hunsrück, sondern von einem der anstrengendsten Hikes auf diesem Planeten! Hier nochmals die Eckdaten zum Mitfühlen: 30 km, 2800 Höhenmeter und Temperaturen von 30°-42° C!

Angekommen an der Phantom RanchMichael schiebt sich nochmals zwei Magnesium-Tabletten ein und wir schnüren unsere Rucksäcke (Kekse, Studentenfutter, 6 Flaschen Arrowhead Wasser, Äpfel, Nektarinen und Bananen). Um 8 Uhr beginnt unser Abstieg auf dem Bright Angel Trail auf zumeist steiniger und erdiger Piste - flankiert durch jede Menge Muli-Kot - hinunter zur Phantom Ranch!

Die Sonne bruzzelt schon jetzt ordentlich auf uns nieder - ohne Hut und Sonnencreme (Lichtschutzfaktor 20) wäre ich wahrscheinlich jetzt schon verglüht - und das Gefälle ist ziemlich steil. Wir lassen es aber behutsam angehen, denn die größte Gefahr besteht bei dieser Wanderung darin, sich selber zu überschätzen und dem Berg nicht gebührend Respekt zu zollen. Wir legen bei der zweiten Wasserstelle eine kurze Pause ein, wandern aber ansonsten nonstop hinunter zur Zwischenstation Indian Garden, eine kleine Oase mit Campground. Hier treffen wir andere Mitstreiter, die sich im Schatten der Bäume erholen und sich eine kurze Zwischenmahlzeit gönnen.

Die Brücke unserer Sehnsüchte: Über den Colorado geht's zur Phantom RanchWir rasten für einen Moment und nehmen dann die zweite Hälfte in Angriff. Kurz vor dem Ziel passieren wir eine ca. 1,5 km lange Passage, die zu unserer Überraschung plötzlich aus feinstem Sand besteht. Und ich kann Ihnen sagen: Hier brennt der Planet. Schätzungsweise 42°C machen uns die Wanderung nun wirklich zur sprichwörtlichen Hölle. Wir sind gottfroh, dass wir nach 2 3/4 Std. die Phantom Ranch erreichen. Wir flüchten uns in den Schatten und machen ein halbstündiges Päuschen an der Muli-Station! Oh, ich liebe diesen Duft!

Dann geht's hinaus in die pralle Sonne und hinauf zum Plateau. Nach ca.drei weiteren Stunden - mittlerweile habe ich aufgrund der starken Sonneneinstrahlung meine lange Hose angezogen - erreichen wir gut durchgeschwitzt wieder den Indian Garden. Langsam, aber sicher macht sich die Anstrengung bemerkbar. Michael schlägt nun erstmal vor, eine längere Pause einzulegen, was natürlich auch mir nicht ungelegen kommt. Und so hängen wir erstmal lässig hier ab und lassen uns von den anderen Wanderern für unseren Gewaltmarsch bewundern. Fast könnte man den Eindruck bekommen, dass wir zu kleinen Stars mutiert sind.

Gegen 14 Uhr wagen wir uns schließlich auf die letzten, aber auch anstrengendsten, Meilen hinauf zum Bright Angel Point. So langsam wird es nun wirklich zur Tortur und wir legen einige Pausen ein, um auch unsere Wasservorräte wieder aufzufüllen. Mittlerweile sind wir bis zum Bauch nahezu komplett von rotem Staub eingefärbt und uns läuft der Schweiss nur so herunter. Zusammen mit einem deutschen Pärchen nehmen wir die letzten Meilen in Angriff. Michael hat wirklich schwer zu kämpfen und spürt jetzt auch die ersten Anzeichen von Oberschenkelkrämpfen. Von der atemberaubenden Natur bekommt er mittlerweile nicht mehr viel mit.

Dann haben wir's aber geschafft. Um 18 Uhr treffen wir wieder am Bright Angel Point ein und beglückwünschen uns erstmal gegenseitig zu dieser wahrlich sportlichen Höchstleistung. Die Anstrengung hat sich aber wirklich gelohnt, denn vom reinen Runterschauen, kann man die wahre Tiefe nur erahnen.

Jetzt wollen wir aber nur noch schnell duschen und essen, was wir dann in der Bright Angel Lodge tun. Ganz spontan beschließen wir noch einen Tag zu verlängern und morgen nur faul herumzuhängen! Um 21 Uhr fallen wir dann todmüde in unsere Schlafsäcke.

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