Anza-Borrego ist kein schnell genießbares Sightseeing-Muss, sondern der weit und breit erfolgreichste Geheimtipp unter Naturfreunden, die sich Zeit nehmen – für smogfreie Sternbilder am nachtschwarzen Himmel, für üppige Palmenoasen in engen Canyons, für die knisternde Stille der Wüste, für die Spuren, die Indianer und Abenteurer in der Wildnis hinterlassen haben, für ein staunenswertes Überlebenssystem in lebensfeindlichem Umfeld.
Und wenn Kakteen, Agaven, Büsche und Wildgräser in wenigen Frühlingswochen gemeinsam Blüten treiben und sich für eine gewaltige Farb- und Duftorgie zusammentun, dann fallen Blumenfreunde aus aller Welt ein wie Stare in den Kirschbaum. Dabei leben in der von Zitrusplantagen gesäumten Oasenstadt Borrego Springs im Zentrum des Parks lediglich 2800 Einheimische, und wenn es Sommer wird, noch weniger – für zwei Monate ist der Ort mit über 40 Grad durchschnittlicher Tagestemperatur einer der heißesten Plätze in den USA.
Wer sehen will, wie die Erde arbeitet, der wird fündig auf Hiking Trails zu den klaftertiefen Spalten, die das große Erdbeben vom 24. November 1987 gerissen hat. Wie z.B.zum Fish Creek im “Split Mountain” mit den brutal gestauchten und gefalteten Gesteinsschichten oder zum “Narrows Earth Trail“, wo zwei Berghälften aus verschiedenen Äonen aneinander vorbeischeuern. Aber auch der “Superstition Mountain“, der den Indianern als “Wohnort böser Geister mit seltsam grollenden Stimmen” galt, ist sehenswert.
Vor dem unauffällig in den Kakteenhang gebauten Besucher-Zentrum ballen sich unterdessen Ornithologen mit schwerem optischen Gerät. Eine wenige Quadratmeter große Wasserfläche lockt derart zahlreich exotische Vögel vor die Linsen, dass selbst die Kolibris kaum beachtet werden, die an den glutroten Blüten der Chuparosa-Büsche nippen.
50 Kilometer weiter im Osten, vor den Chocolate Mountains, leuchtet an klaren Tagen hinter der sonnengebleichten Anza-Borrego Wüste das Dunkelblau des Salton Sea. Dort hatte der Pupfish gelebt – bis in den sechziger Jahren schmackhafte Tilapias in Kaliforniens “Totem Meer” eingesetzt wurden. Sie machten dem Überlebenskünstler den Garaus.
Besonders in den badlands zeigt die Anza-Borrego Desert dramatisch schöne Wunden, die ihr das Wasser zufügt: An vielen Stellen wird aus dem Untergrund der Boden eines prähistorischen Sees in die Höhe gekippt, der noch keine Gelegenheit hatte, sich in soliden Sandstein zu verwandeln – ein idealer Spielplatz der Erosion. An tausend Stellen gleichzeitig schneidet sie Mini-Täler aus dem weichen Boden, vereint sie zu größeren Trockenflüssen, bildet auf vielen hundert Hektar ein Filigran mäandernder Canyons – ein Labyrinth ist daneben eine übersichtliche Einrichtung. Den Namen badlands hatten die ersten Pioniere gewählt, die vergeblich versucht hatten, Viehherden durch das fremdartige Gelände zu treiben und am Ende froh sein mussten, ihm wenigstens selbst zu entkommen.
Um Welten getrennt, auf asphaltierter Straße in 30 Minuten zu erreichen, das sanfte Kontrastprogramm. Der Weg zum Hellhole Canyon führt von der Montezuma-Passstraße über alluvialfan, ein typisches Schotter-Delta, wie es aus den Flanken der jungen Berge herausgewaschen wird. Der Untergrund scheint feuchter als in den badlands. Hier wachsen die wundersamen Pflanzen, die der uneingeweihte Besucher noch vor kurzem Gestrüpp genannt hätte. Und überall wachsen stachelige Ocotillos aus dem Schotter, die aussehen wie mit dem Stil eingepflanzte Reisigbesen. Die hell gesprenkelte Rinde saugt zur Unterstützung der Wurzeln jeden Tropfen auf, dessen sie habhaft wird.
Dann, etwas später, ein unglaubliches Geräusch, leise erst, schließlich hell und klar: das Plätschern von Wasser, das über Kiesel rinnt. Bis an den Rand der Wüste schlägt sich der Gruß der schwarzen Wolken durch und macht, ehe er versickert, den engen Taleinschnitt zur Zauberoase. Je weiter sich der Pfad aufwärts windet, desto lauter wird der Bach, er strudelt, springt als Wasserfall über Felsstufen. Dann macht er Pause in einem veritablen Hain aus kalifornischen Fächerpalmen. Auch diese Bäume entstammen der feuchteren Zeit und haben sich in die ganzjährig Wasser führenden Seitencanyons geflüchtet. Sieben größere Palmenpasen überleben in Anza-Borrego.
Mitten im Nirgendwo ein Schild: “Mountain Lion Area“. Obwohl gewöhnlich sehr scheu, greifen sie gelegentlich ohne Vorwarnung an. “Be on alert.” Seit der Grizzly aus der Gegend vertrieben wurde, ist der Puma die Nummer eins der Hierarchie, das macht einzelne Tiere dreist. Angelockt vom appetitlichen Duft der Pferde oder gar der Reiter pirschten drei der Raubkatzen auffällig nah am California Trekking & Hiking Trail – sie wurden abgeschossen. Am liebsten halten sich Pumas an Dickhornlämmer – auf Spanisch: Borrego. Mit etwa 300 der seltenen Tiere beherbergt der Wüstenpark den größten Bestand der USA. Gewöhnlich beobachten die Dickhoms das Gelände wachsam aus felsigen Gipfellagen. Doch spätestens nach vier Tagen müssen sie zu einer der Wasserstellen ins Tal. Eine schöne Gelegenheit für Fotografen wie Pumas.
Schatten, Kühle, Wasser – wo es Zuflucht vor dem Atem der Wüste gibt, da drängen sich seit Urzeiten Tiere und Menschen. Wo dann noch einige der haushoben Granitblöcke eine Art schützenden Dorfplatz mit Neben- und Hinterhöfen bilden, da lohnt es, nach Spuren der früheren Bewohner zu suchen.
Wüsten Know-how
Die häufigste Frage im Anza-Borrego-Park: Wann blüht die Wüste? Antwort: Irgendwann zwischen Ende Februar und Anfang Mai. Die Parkverwaltung bietet einen speziellen Service: Ungefähr 14 Tage vor der Blüte wird informiert,wer zuvor eine frankierte und mit der eigenen Anschrift versehene Postkarte an folgende Adresse geschickt hat:
WILDFLOWERS – A.B.D.S.P; 200 Palm Canyon Drive; Borrego Springs, CA 92004.
Aktuelle Infos über die Wildblumen-Hotline: (001 -760)767-4684 oder www.anzaborrego.statepark.org; Programme des Visitor Center unter 767-4205.
Im Park gibt es drei voll und neun spartanisch ausgestattete Campingplätze. Empfehlenswerte Hotels.”The Palms at Indian Head”, Zimmer 1 bis 5;”Palm Canyon Resort”.
Infos über Unterkünfte: Borrego Springs Chamber of Commerce, 767-5555.Zu versteckten Sehenswürdigkeiten am besten mit “Borrego Paul” www.desertjeeptours.com oder Tel. 767-0501.Tourenvorschläge kurz und kompetent:”Weekender’s Guide” von Paul R.Johnson, ca.6$.
Zwei vorsorgliche Warnungen: Hitze und Wasserbedarf zu unterschätzen, kann tödlich enden. Und: Kontakt mit Kaktusstacheln verhunzt das schönste Wüstenerlebnis.

